© Fotos: Dominik Butzmann, Text: Annalena K. Rey

Dr. Eckart von Hirschhausen ist einer der bekanntesten Ärzte Deutschlands und zudem erfolgreicher Sachbuchautor mit dem aktuellen Bestseller „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“. Hirschhausen verbindet medizinische Inhalte mit Humor und nachhaltigen Botschaften und ist damit seit über 20 Jahren als Komiker auf den großen Bühnen Deutschlands unterwegs. Er engagiert sich außerdem für eine medizinisch und wissenschaftlich fundierte Klimapolitik und unterstützt Forschungs-, Schul-, und Bildungsprojekte. Die Bildungslotterie freiheit+ hat ihn jetzt zum Interview getroffen.

Als Schirmherr von Bildungsprogrammen wie „fitforfuture“  unterstützen Sie Bildungsinitiativen zum Thema Gesundheit. Wie gehören für Sie als Arzt Bildung und Gesundheit zusammen?

Eckart von Hirschhausen: Bildung und Gesundheit sind eng miteinander verknüpft. Bildung ist der größte Hebel für die Lebenserwartung. Das wurde mir so richtig klar, als ich für die ARD-Bildungswoche die Dokumentation „Hirschhausen macht Schule“ gedreht habe, die für alle Neugierigen noch in der Mediathek zu finden ist. Darin erklärten wir an einer repräsentativen Gruppe von 100 Menschen aus unterschiedlichsten Herkünften, dass zwischen den Bildungsfernen und den maximal geförderten eine brutale Kluft von 10 Jahren Lebenserwartung besteht. Wenn man etwa Berlin anschaut, liegen zwischen Neukölln und Zehlendorf zehn Kilometer – und zehn Jahre Lebenszeit – das ist unglaublich ungerecht. Deshalb engagiere ich mich für mehr Gesundheitskompetenz, von der Vorschule, über ein Schulfach Gesundheit bis hin zur Fähigkeit, im Netz Sinn und Unsinn zu unterscheiden. Wir sind so stolz darauf, das Land der Dichter und Denker zu sein, aber die Hälfte der Bevölkerung weiß nicht, wann ein Fieber anfängt oder wie man einen Beipackzettel liest. Das müssen wir ändern.

Als wie wichtig empfinden Sie die Förderung von Bildungsprojekten außerhalb der Schulischen Bildung?

Eckart von Hirschhausen: Das ist extrem wichtig. Viele Pädagogen, Sozialarbeiter und andere, die mit Menschen arbeiten, kennen und nutzen meine „Pinguingeschichte“, ein echter viraler YouTube-Hit aus meinem Bühnenprogramm „Glück kommt selten allein“. Darin geht es in einer einfachen Metapher um die Frage, ob man in seinem Element ist, ob die Umgebung die eigenen Fähigkeiten hemmt oder erst zum Vorschein kommen lässt. Außerschulische Projekte bieten oft genau diese Freiräume, in denen sich Kinder gemäß ihrer Neigungen entfalten können. Gute Schulen bieten das auch schon während der Schulzeit. (lacht)

Sie haben als Arzt in der Kinderneurologie gearbeitet. Was haben Sie da über Bildungschancen gelernt?

Eckart von Hirschhausen: Die Vernichtung von Bildungschancen beginnt sehr früh im Leben – bereits im Mutterbauch! Die häufigste angeborene Fehlbildung ist kaum öffentlich bekannt, hat nichts mit Genen sondern mit Suchtverhalten zu tun: FASD. Fetales Alkohol Syndrom. Unfassbar viele sind davon betroffen, geschätzt 25.000 Kinder jedes Jahr. Ich hatte mit diesen Kindern zu tun, die ein Leben lang emotional und kognitiv unter ihren Möglichkeiten bleiben, weil wir es als Gesellschaft nicht hinbekommen, die klare Botschaft zu kommunizieren: in der Schwangerschaft kein Tropfen Alkohol. Es gehört auf jede Flasche und jede abhängige Mutter sollte alle Unterstützung bekommen, die sie braucht. Erzählen Sie es bitte weiter. Das nächste bittere: Der Unterschied zwischen geförderten und nicht geförderten Kindern ist bei der Einschulung bereits zementiert und das wissen auch wenige. Ein frühkindliches Hirn, was neugierig ist, was wissen will, was den Wert von sich auszuprobieren kennt, das ist schon völlig anders strukturiert als ein Kind, das „geparkt“ wird, was niemanden hat, der sich um ihn kümmert oder was sozusagen vor der Glotze abhängt. Die einfachste Sache, die man machen kann, ist Kindern vorzulesen. Allein das ist unglaublich wirksam.

Man spürt, sie sind im Herzen immer Arzt geblieben. In ihrem neuen Bestseller beschreiben Sie eindrücklich, welche Auswirkungen auf die Gesundheit die Klimakrise mit sich bringt, auch für die seelische Gesundheit insbesondere von Kindern. Warum hört man davon bisher so wenig?

Eckart von Hirschhausen: Das wundert mich auch! Ich bin kürzlich im Deutschen Bundestag in die Kinderkommission eingeladen worden als Experte, wer mag, kann sich das anhören, die Fakten und das Ausmaß ist tatsächlich kaum bekannt. „Seelische Gesundheit“ klingt erstmal so schwer greifbar, dabei weiß jeder aus den letzten Hitzewochen in Deutschland, wie schnell einen Temperaturen über 30 Grad „matschig in der Birne“ machen, unkonzentrierter, aggressiver, fehleranfälliger. Wer schon psychisch angeschlagen ist, leidet besonders, es häufen sich Impulshandlungen, Depression und Suizide etc. Das liegt schlichtweg daran, dass die Basis unseres Denkens und unserer Gefühle das Hirn ist. Und das Hirn braucht einen „kühlen Kopf“ um arbeiten und steuern zu können. Welche Bildungseinrichtung hat denn überhaupt die Möglichkeit zu Verschatten, zu kühlen, sei es mit Grünflächen auf dem Dach, Bäumen vor dem Fenster oder Klimaanlage. In der Zeit, in der viele Kitas, Schulen und auch Altenheime gebaut wurden, spielte der Hitzeeintrag keine Rolle, entsprechen miserabel sind wir vorbereitet. Wir bekommen es ja noch nicht einmal hin, die Kinder durch so etwas Einfaches wie Luftfilter in den Klassenzimmern vor Infektionen und Feinstaub zu schützen. Mich nervt, wie wir Bildung immer in einem so abgehobenen Kontext behandeln. Die Basis von Gesundheit und Bildung ist in Gefahr, global aber auch in Deutschland. Dazu gehört saubere Luft, etwas Gesundes zu essen und erträgliche Außentemperaturen. Ohne diese Grundlagen greift jeder Bildungsversuch zu kurz.

Die Bildungslotterie unterstützt auch Projekte, die Umweltschutz und Nachhaltigkeit fördern. Ein zentrales Thema Ihres neuen Buches. Können Ihrer Meinung nach auch kleine Projekte dem Klimawandel entgegenwirken?

Eckart von Hirschhausen: Aber natürlich! Es lohnt sich für jede Tonne CO2 und um jedes Zehntel Grad zu kämpfen. Entscheidend ist nicht die Größe von Projekten, sondern was wir alle gemeinsam in der Summe in diesem Jahrzehnt auf den Weg bringen: kommunal, überregional, europäisch und global. Wir erleben gerade historische Zeiten. Das Bundesverfassungsgericht hat ein sensationelles Urteil gefällt, dass wir die Freiheit der nächsten Generationen zur Leitschnur der heutigen Entscheidungen machen müssen, damit ist klar, alle Parteien müssen dafür konkrete Umsetzungen anbieten. Das Klimathema hat nicht nur die Europawahl bestimmt, es ist das zentrale Thema für die nächste Regierung. Auch die Tatsache, dass mein Buch über das wirklich nicht leichte Thema Klimawandel und Gesundheit direkt auf Platz eins der Spiegelbestsellerliste landetet, zeigt mir: viele Bürgerinnen und Bürger wollen Bescheid wissen, mitreden und mitgestalten, da sind sie vielleicht sogar im Kopf schon weiter als die große Politik.

Sie schreiben, dass Umweltbewusstsein mit Bildung zusammenhängt, Bildung an Geld hängt und wer Geld hat, auch mehr konsumiert. Ist also Bildung schlecht fürs Klima?

Eckart von Hirschhausen: Das ist zwar eine äußerste Zuspitzung meines Gedankens, aber ja, es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Bildung, Einkommen und Verbrauch. Aber in meinem Buch zitiere ich auch Michael Kopatz vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie mit einer Idee als „Gegengift“: Es wäre außerordentlich segensreich für den Klimaschutz und den Konsum, wenn die Leute ihre Arbeitszeit etwas verkürzen würden und das verringerte Einkommen hinnähmen. Wer mehr freie Zeit hat, kann frisches Gemüse selbst kochen oder gar anbauen, statt es tiefgekühlt zu kaufen oder auf energieaufwendige Fertiggerichte zurückzugreifen. Oder Wäsche aufhängen, statt sie in den energiefressenden Trockner zu werfen. Oder vom Festnetz telefonieren und seine Serien zu Hause mit dem eigenen LAN-Kabel herunterladen, statt permanent unterwegs zu sein und mobile Daten über Satelliten, um die Erde zu funken. Auf der Webseite »Ein guter Tag hat 100 Punkte« können Sie sich spielerisch Ihren eigenen Fußabdruck ausrechnen. Vielleicht sind SIE ja das leuchtende Beispiel mit dem hohen Bildungsgrad und dem niedrigen Ressourcenverbrauch. Ich bin es jedenfalls nicht. Noch nicht.

Sie haben einmal gesagt, dass Bildung schon vor der Geburt beginnt. Was genau meinen Sie damit?

Eckart von Hirschhausen: Wer hat den Menschen von seiner Zeugung bis zu seinem Tod im Blick? Jeder sieht einen kleinen Ausschnitt des großen Bogens und wundert sich, warum an den falschen Stellen gespart oder auch unsinnig Geld ausgegeben wird. Eine der besten Präventionsmaßnahmen sind zum Beispiel Familienhebammen, die dafür sorgen, dass eine Schwangerschaft nicht durch unnötigen Stress, Überforderung bis hin zu Alkohol, Zigaretten, Drogen und häuslicher Gewalt belastet wird. Wenn ein Kind durch eine Investition vor seiner Geburt einen guten Start ins Leben hat, zahlt sich das die nächsten 80 Jahre für die Gemeinschaft aus.  Und das hat nichts mit Krankenkassen oder Parteien zu tun, dafür braucht es nur ein bisschen Herz und Menschenverstand. Der nächste, große, unterschätzte Hebel für Bildung ist die frühkindliche Phase. Wir wissen, dass jeden Euro, den wir in frühkindliche Bildung investieren, 25-fach in die Gesellschaft zurückkommt. Warum? Weil die Kinder eben die Schule zu Ende machen, die Berufe aufnehmen – Steuern zahlen, anstatt Sozialhilfe zu bekommen. Und deswegen sollten diese Ausgaben nicht unter „Almosen“ verbucht, sondern klar deklariert werden: Bildung ist wirklich die Investition der Zukunft. Wie ernst es aber um die Bildung steht, sieht man vor allem am Status der Menschen, die sich darum kümmern. Wer wird denn gerne Erzieher, wenn dieser Beruf nach wie vor kaum akademisiert ist, kaum gut bezahlt wird. Wer wird denn Lehrer? Sind das wirklich die klügsten Köpfe, die die nächste Generation ausbilden?

Die Corona-Schutzimpfungen schreiten in Deutschland weiter voran. Sie selbst haben als Proband einer Impfstudie teilgenommen. Hat für Sie die Impfbereitschaft etwas mit Bildung zu tun?

Eckart von Hirschhausen: Ja. Und deswegen fehlt es auch an einer Entscheidungshilfe, bei der nüchtern die Zahlen nebeneinandergestellt werden und jeder sich seine Meinung bilden kann, sowas wie der Wahl-o-mat nur fürs Impfen. Es fehlt an guten Videos, die Falschinformationen geraderücken und die Fragen aufnehmen, die Menschen haben, aber nicht in langen Bleiwüsten und unübersichtlichen Listen, sondern zeitgemäß mit Grafiken, Animationen, bekannten und vertrauenswürdigen Erklärern aus Medizin und Pflege, und barrierefrei in allen Sprachen. Ich habe mit dem „Impfbuch für alle“ und meinen ARD-Dokus mein Bestes zu dem Thema beigetragen, gerade weil ich weiß, wie wichtig für die Gesundheit von Kindern und Erwachsenen dieser solidarische Gedanke vom Impfen ist.

Was ist – vor allem in Hinblick auf Bildung – Ihr Traum für 2050?

Eckart von Hirschhausen: Dass ich das noch ohne Demenz erlebe, dass alle Kinder weltweit den Zugang zu Bildung selbstverständlich haben. In dem Kapitel „Retten Frauen die Welt“ habe ich eine für mich sehr überraschende Recherche verarbeitet, warum Bildung auch gerade für Mädchen im globalen Süden ein großer Hebel ist, langfristig die Weltbevölkerung und auch den Ressourcenverbrauch zu stabilisieren. Es ist ein bisschen um die Ecke gedacht, aber je mehr Bildung und Zugang zu Grundversorgung, Hygieneartikeln, Verhütungsmitteln, desto mehr Müttergesundheit, desto weniger Kinder werden geboren, um zu sterben, desto bessere Chancen haben diese Kinder wieder, sich selber aus Armut zu befreien und ein selbstbestimmtes glückliches Leben zu führen. Die Unbeschwertheit, die ich als Kind von Geflüchteten in Deutschland haben durfte, wünsche ich jedem Kind, auch schon vor 2050.

Spielen Sie selbst ein Los bei der Bildungslotterie freiheit+?

Eckart von Hirschhausen: Jetzt ja! Her damit. Die Idee ist wirklich wichtig. Eigentlich traurig, dass es so etwas braucht – aber umso besser, wenn wir, statt zu jammern, aktiv werden.

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