Seit Beginn der Corona-Krise wird sexueller Kindesmissbrauch seltener gemeldet. Betroffene Kinder haben kaum mehr Möglichkeiten, sich ihren Bezugspersonen in Kitas oder Schulen anzuvertrauen. Deswegen hat die Bildungslotterie bereits im April 2020 die Kinderschutzhäuser „Mattisburgen“ der Ein Platz für Kinder gGmbH mit 1.000 Euro Direkthilfe unterstützt. Zusätzlich hat das Projekt „Therapeutisches Internat Mattisburg Sternstunden am Chiemsee“ Fördergelder in Höhe von 10.000 Euro erhalten.

Jonas* lebte in den vergangenen 12 Monaten in einer Mattisburg. Hier ging es ihm gut, denn Fachkräfte hatten herausgefunden, dass seine Mutter mit seiner Erziehung überfordert war. So kam es oft zu Wut- und Gewaltausbrüchen gegenüber ihrem Sohn. Auch ließ sie den Siebenjährigen oft viele Stunden oder gar Tage alleine zuhause. Seine unregelmäßigen Schulbesuche hatten die Lehrer und das Jugendamt auf die heimische Situation aufmerksam werden lassen. Nach seinem temporären Aufenthalt in der Mattisburg kann Jonas nicht wieder zurück nach Hause. Die Vorzeichen für ein normales Leben stehen schlecht, denn ihm fehlen schon jetzt eineinhalb Jahre Schulstoff. Damit er diese Lücke schließen und gleichzeitig das Geschehene noch besser verarbeiten kann, bräuchte Jonas eine besondere Schule, die sich seinen speziellen Bedürfnissen annehmen könnte. Doch diese gibt es bisher in Deutschland nicht.

*Name von der Redaktion geändert

„Darum bauen wir das „Therapeutische Internat Mattisburg Sternstunden am Chiemsee“, sagt Stiftungsgründerin Johanna Ruoff. „Mit dem Wissen um seelische Verletzungen, massive Vernachlässigung, körperliche Misshandlungen oder schwersten sexuellen Missbrauch, haben wir uns dazu entschlossen, einen Schritt weiter zu gehen und für die Zeit nach der Mattisburg eine Anschlusseinrichtung zu schaffen.“

Das Internat vereint eine vollstationäre Jugendhilfeeinrichtung mit einer Schule und bietet damit in Deutschland ein einzigartiges Konzept. Es bietet ein Heim auf Zeit für die Jungen und Mädchen, die nicht in ihre Herkunftsfamilie zurück können und nicht-spezialisierte Einrichtungen oder Pflegefamilien überfordern. Die Kinder sollen erleben, dass ihre Erfahrungen von Vernachlässigung und Misshandlung verstanden und ernst genommen werden. Sie erhalten durch das Gesamtkonzept die Möglichkeit, ihre Familiengeschichte grundlegend zu verarbeiten, zumindest aber sich ein Stück weit mit dem eigenen Schicksal auszusöhnen und es als Realität zu begreifen. So öffnet sich eine Perspektive zu neuer Freude am Leben, am Zusammensein mit anderen Menschen, neuen Beziehungen und am Lernen. Verpasster Schulstoff kann nachgeholt werden und das Zurechtkommen in einer Regelschule wird realistischer. In der Schule werden die Kinder individuell beschult. Jedes Kind arbeitet an seinem persönlichen Lernstoff. Der Unterricht ist geprägt durch Wertschätzung und Verständnis, es geht weniger um den Lernerfolg als darum, wieder einen Zugang zur Bildung zu finden.